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KI & Finanzen: Ist bald die KI Ihr persönlicher Finanzberater?

Aktualisiert: 8. Aug. 2023

Es ist Ende 2022. Nieselregen legt sich wie ein Schleier über die Dächer der Frankfurter Skyline. Ich stehe auf dem Weihnachtsmarkt; ein dampfender Kinderpunsch wärmt meine eiskalten Finger, die sich von beiden Seiten um die Tasse klammern. Doch ich spüre davon nichts. Stattdessen lausche ich gebannt und voller Aufmerksamkeit meiner Begleitung, die mir von einem „ganz neuen großen Wurf“ erzählt: ChatGPT.


Damals – meine Begleitung ist Sohn einer Journalistin – ging es vor allem darum, wie ChatGPT das schreibende Volk ersetzbar machen wird. Die KI könne Texte lesen, verstehen und bessere Artikel schreiben als so mancher Journalist. Sogar die Stimmung bzw. den Ausdrucksstil könne man sich aussuchen und das in nur wenigen Sekunden. Einziger Fehler sei noch die Aktualität, aber das ließe sich bestimmt auch bald in den Griff bekommen.


Einsatz von KI – wo wir stehen und wohin wir wollen


Inzwischen ist (erschreckenderweise) fast ein ¾ Jahr vergangen. ChatGPT ist keine ‚Geheimwaffe‘ mehr; der mysteriöse Charme wurde durch unsere menschliche Neugier und nachvollziehbaren Misstrauen gelüftet. Jeder weiß jetzt, was ChatGPT ungefähr kann, auch wenn er/sie es noch nicht selbst genutzt hat. Und ich denke, wir würden uns wundern, wenn wir wüssten mit wie vielen Outputs bzw. Ergebnissen wir schon von ChatGPT (oder anderen KIs in diesem Feld) zu tu hatten.


Das Einsatzgebiet ist breit: von Content Creation über Datenanalyse und -aufbereitung, bis hin zur privaten Reise- und Ernährungsplanung ist alles möglich. Es gibt keinen Grund mehr selbst die Finger krumm zu machen: Lästige, alltägliche Aufgaben macht die KI, während wir alle im Büro nur noch Tischkicker spielen und Schreibtischstuhlwettrennen veranstalten… oder so ähnlich 😉



So einfach ist es natürlich nicht. Bis wir einen so hohen Grad an Automatisierung erreicht haben, muss noch viel Wasser den Main hinunterfließen. Dennoch gibt es einige Aufgaben, die bald wirklich die KI uns abnehmen und uns als Berater damit abschaffen könnte: Zusammenfassungen und Reports schreiben, aber auch Datenanalyse und -aufbereitung sind zum Beispiel solche Felder, genauso wie Wissensvermittlung. Und auch wenn sich ChatGPT bisher noch dagegen wehrt einen individuellen Finanzplan zu erstellen und Handlungsempfehlungen abzuleiten, so ist es meiner Meinung nach nur noch eine Frage der Zeit, bis auch das möglich ist.


Overall heißt das: 1:0 für ChatGPT.


Und wie sieht es hinsichtlich Anlageempfehlungen aus?


Wird uns die KI bald sagen, was für Wertpapiere wir kaufen sollen? Als ich ChatGPT gerade mal nach Investitionstipps gebeten hatte, kam eine ausführliche Nachricht als freundliches „Nein, mach ich nicht!“ zurück mit dem Hinweis, dass es als KI-Sprachmodell verantwortungslos wäre Anlageempfehlungen zu geben, da es unter anderem keinen Zugriff auf aktuelle Marktinformationen hat und nicht in der Lage ist individuelle Umstände zu berücksichtigen.

Das heißt wohl Eigentor und es steht jetzt wieder 1:1 – Ausgleich.


Aber auch hier der Hinweis: Wir wissen nicht, was hier noch kommen kann. Gleichzeitig wirft das Thema KI ganz grundsätzliche Fragestellungen der Wirtschaftswissenschaften auf. Stichwort: „Markteffizienzhypothese“ nach Fama. Wenn es Ihnen nichts direkt sagt, fragen Sie gerne ein KI-Modell Ihres Vertrauens.


3 Gründe, warum die KI nicht Ihr Finanzberater werden sollte


1. Trainingsset aus der Vergangenheit:

Auch die schlauste und trainierteste KI hat keine Wahrsagekugel und stattdessen „nur Daten“ aus der Vergangenheit aus denen es Muster und Regeln ableiten kann. Aber ich denke speziell die letzten Monate mit Corona, politischen Unruhen und der signifikanten Zinswende haben gezeigt, wie unvorhersehbar das Leben spielen kann und die Vergangenheit kein verlässlicher Indikator für die Zukunft ist. Oder fahren Sie gerne Auto und vertrauen dabei ausschließlich auf die Sicht in Ihrem Rückspiegel?

2. Störterm „Mensch“:

In der empirischen Wirtschaftsforschung wird gerne von „Störtermen“ gesprochen. Damit ist eine zusätzliche Variable gemeint, die zufällige und unkontrollierte Einflüsse repräsentiert. Am Kapitalmarkt kann das menschliche Verhalten als solches gewertet werden und auf diese Weise das ein oder andere auf rationale Entscheidungen berufende Modell aus der Bahn werfen – fragen Sie da mal gerne die Kollegen aus dem Forschungsgebiet desBehavioral Finance.


3. Blasengefahr vs. Alpha:

Wenn Sie schon bei den Kollegen sind, sprechen Sie diese gerne dann mal auf die mögliche Problematik des Herdings bzw. der Blasenbildung an. Was wäre, wenn wir alle der KI blind folgen und sehr ähnliche Empfehlungen erhalten? Und dann ist die KI möglicherweise auch noch Verfechter des Stils Momentum? Gleichzeitig stellt sich dann auch die Frage: Wie sollen wir dann noch in der Lage sein den Markt zu schlagen, wenn wir nicht nur in Social Media, sondern auch bei unseren Anlageempfehlungen auf einen breiten Algorithmus vertrauen? Und noch einmal (mit Augenzwinkern) weitergedacht: Gibt es irgendwann womöglich noch KI-Dating-Apps in der uns ein Algorithmus mit einer Anlage-KI matcht, die zu uns passt? Uff…


Angesichts des letzten Aspekts traue ich mich fast gar nicht noch einen Punkt gegen KI zu vergeben. Nicht, dass sie den Artikel hier bald noch liest und das gegen mich verwendet.


Menschliche Empathie schlägt technische Schnelligkeit


Der meiner Meinung nach wichtigste Punkt liegt – wie schon in früheren Diskussionen zum Thema Digitalisierung in der Arbeitswelt – auf der Hand: Keine KI kann so schnell den Menschen als empathisches, verständnisvolles Wesen ersetzen. Weder in der Finanz- noch in der Anlageberatung.


Wir wollen uns gesehen und verstanden fühlen; die Beratung soll individuell für uns sein und die Anlage zu uns, in unserer persönlichen Situation, passen. In diese kann sich ein menschlicher Berater viel besser hineinversetzen und nachempfinden, als es eine KI könnte. Es kann eine vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden und emotionale Aspekte mitbedacht werden.


Apropos Vertrauen: Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich persönlich würde mich unwohl damit fühlen einer KI (und damit der dahinterstehenden Organisation) blindlinks meine gesamten persönlichen, finanziellen Daten zu geben. Aber das nur als Thema am Rande.


Jetzt bin ich mutig: 2:1 für die Berater und schließe mit dem Fazit: Ja, ChatGPT bzw. KI im Allgemeinen kann als große, neue Innovation unser aller Alltag bereichern; uns lästige Aufgaben abnehmen, Prozesse beschleunigen und Fehlerquoten reduzieren. Aber umfassend den Faktor Mensch ersetzen, das kann sie nicht. Und das ist auch gut so.


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